(mp) Im Juli 1940 wurde die SOE (Special Operations Executive) im Auftrag von Winston Churchill gegründet, um von England aus Europa mit Sabotage, Mordanschlägen und Partisanenkrieg in Brand zu stecken. Die Hauptaufgabe dieser Organisation bestand darin, mit Funk- und Morsegeräten ausgestattete Agenten in die von Hitler besetzten Länder zu schleusen, sie mit Waffen und Munition zu versorgen und Kontakt zu ihnen zu halten. Die Verschlüsselung der zu übermittelnden Nachrichten und die Entschlüsselung der empfangenen Agenteninformationen gehörten zu den Grundpfeilern der Organisation.
Und hier kommt Leo Marks, der Autor, ins Spiel: Als einziges und wohlbehütetes Kind wuchs er im wohl berühmtesten Buchladen Londons auf sein Vater war der Besitzer von Marks & Co 84 Charing Cross Road. Im Alter von erst 22 Jahren trat Marks dann 1942 in die SOE ein, wo er bis ans Ende des Krieges seine eigenen Schlachten schlug. Die unzähligen Sandwiches, die er in dieser Zeit mit seinen Mitarbeitern teilte und seinen Besuchern auftischte, stammten alle von Muttern; die Zigarren, die er vor allem seinem Lieblingsagenten Yeo-Thomas, dem unter dem Namen Withe Rabbit vielleicht berühmtesten SOE-Agenten, anbot, aus Vaters Buchladen.
Als genialer Kryptograph übernahm er die Kodierabteilung und revolutionierte, professionalisierte still und heimlich das Nachrichtenverschlüsselungssystem. Die bisher gebräuchlichen Gedicht-Kodes, die den Schlüssel zur Dechiffrierung boten, waren in seinen Augen viel zu einfach zu knacken, und die eingebauten Sicherheitschecks, die zur Klärung dienen sollten, ob der Agent seine Nachricht unter Druck was nichts anderes hieß als mit Hilfe der Deutschen übermittelt hatte, erschienen ihm so durchsichtig ein paar keinen Sinn ergebende Buchstaben am Anfang der Nachricht und absichtlich eingebaute Orthographiefehler daß er anfänglich sogar glaubte, die richtigen Maßnahmen würden ihm verschwiegen. Denn es waren gerade die unwissentlich oder versehentlich eingestreuten Fehler, denen Marks den Großteil seiner Zeit zu widmen hatte.
Bei seinem Eintritt galt ein stolzes Fünftel der eingehenden Nachrichten als schlichtweg unentzifferbar. Für die meisten Probleme waren Chiffrierfehler der Agenten verantwortlich, der Rest stammte aus Morse-Übertragungsfehlern. Die fehlbaren Agenten wurden daraufhin von London routinemäßig angewiesen, ihre Nachricht zu wiederholen, was natürlich die Gefahr erhöhte, von den mobilen deutschen Peilstationen geortet und unschädlich gemacht zu werden. Daß die Existenz eines jeden Agenten in Feindesland an einem seidenen Faden hing, macht die Statistik deutlich: Die durchschnittliche Lebenserwartung eines Spions im besetzten Frankreich damals das gefährlichste aller Pflaster betrug nur wenige Tage.
Leo Marks, der jeden dieser Sende-Wiederholungsaufträge harsch aber zutreffend als potentiellen Mord bewertete, steigerte die Aufklärungsquote mit seiner eigens dafür geschaffenen Abteilung FANY (First Aid Nursing Yeomanry) und den unter Umgehung des Dienstwegs eingestellten FANY-Mitarbeiterinnen von 3% auf über 80%. Diese und noch weitere Selbständigkeiten waren notwendig, um im verkrusteten Bürokratendschungel überhaupt etwas verändern zu können, was Marks allerdings nicht nur Ruhm sondern auch einigen Ärger einbrachte. Daß er dabei nicht vor die Tür gesetzt wurde, verdankte er nicht zuletzt der Tatsache, daß sogar seine Vorgesetzten nicht umhin kamen, seine revolutionären Ideen nicht nur allein Genialität zuzusprechen sondern auch ihre beispiellose Effizienz einzuräumen.
Die Gedichte, die Marks den Agenten nunmehr auf den Weg gab, waren nicht mehr die auch vom Feind in jedem Gedichtband aufzufindenden Klassiker. Ein Beispiel:
The life that I have
Is all that I have
And the life that I have
Is yours.
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Dieses Gedicht, das Leo Marks der Agentin Violette Szabo mit auf den Weg gegeben hatte, ist dank des Spielfilms Carve Her Name with Pride vielleicht sein bekanntestes. Geschrieben aber hat er hunderte davon: alle, um die Agenten mit Schlüsselwörtern zu versehen, die vom Feind nicht so ohne weiteres zu knacken waren. Seine Seelenverwandtschaft mit Sigmund Freud und Edgar Allen Poe ist auch bei den mehr als zwanzig bisher noch nicht veröffentlichten Gedichten, die sich in diesem Buch finden, nicht zu verkennen.
Die von ihm entwickelten WOK's (Worked out Keys) wurden zuerst auf wasserfestes Papier und dann auf Seide gedruckt. Neu war auch, daß jeder einzelne Kode nur ein einziges Mal verwendet wurde. Auf Taschentüchern, Unterwäsche oder Mantelfutter gedruckt, konnten die Agenten jeden Schlüssel, ohne ihn erst umständlich memorieren zu müssen, nach Gebrauch sofort vernichten entweder mit einen Zauberstift oder indem der verbrauchte Kode einfach abgeschnitten und verbrannt wurde.
Leo Marks versteht es, seinen Leser bis zur letzten Seite mit seinem romanartig geschriebenen Buch, das sich durchaus als Kriegstagebuch aus sicherer Distanz bezeichnen ließe, zu fesseln. Häppchenweise bekommt man die Geschichte der Widerstandsbewegungen in Frankreich, Norwegen, Schweden, Dänemark, Italien, Belgien, Polen und den Niederlanden vermittelt; ebenso die Bemühungen der Exilregierungen; die Lebensschicksale der SOE-Agenten (beispielsweise Jean Moulin, Violette Szabo und Joachim Ronneberg); die Einschleusungsmethoden und die damit verbundene Abhängigkeit vom Goodwill der Royal Air Force; die Fluchtwege der Agenten; die Rolle der CIA; die Querelen und Ränkespiele zwischen der SOE und dem Geheimdienst, sowie natürlich manches mehr.
Daß Leo Marks, der in Fachkreisen auch die wandelnde Kryptographie-Legende genannt wird, sein Metier in Sachen erzählerischer Spannung durchaus versteht, bewies schon der Kultfilm der 60er Jahre: Peeping Tom, zu dem er das Drehbuch verfaßte. Auch hier kommt sein Talent voll zur Geltung.
Ein bemerkenswert informatives und erfreulich unterhaltsam und packend geschriebenes Werk, an dem es nur eins zu bemängeln gilt: der Index, der zwar umfangreich, aber unvollständig und irreführend ausgefallen ist. Anders ausgedrückt: Man kann ihn getrost in der Pfeife rauchen. Die angegebenen Seitenzahlen sind teilweise falsch, und da das ganze Buch mit Kürzeln gespickt ist, die im Index nicht zu finden sind, ist der interessierte Leser gezwungen, andauernd auf den ersten Seiten des Buches in der Hoffnung nachzublättern, auf ebendie Stelle zu stoßen, wo die gesuchte Abkürzung zum ersten Mal verwendet und dann auch meist erklärt wird. Ein äußerst zeitaufwendiges, mühsames und ärgerliches Unterfangen.
Für eine ernstzunehmende Recherche ist der Index also ein völlig unbrauchbares Werkzeug, was um so bedauerlicher ist, als dieses Buch durchaus den Rang eines bedeutenden Zeitzeugendokuments einnimmt, auf das der zukünftige Historiker nicht ungestraft wird verzichten können. Hier dürfte sich der Verlag ruhig mal einen Ruck geben und eine korrigierte Fassung nachreichen bei einem immerhin fast DEM 60 teuren Werk ist das sicher nicht zuviel verlangt.