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    Startseite [ver. 03.04.03) vom [2005-11-23]  © 1996-2007 copyright by Verlag Ralph Tegtmeier Nachf. URL: http://confidenz-depesche.com Seitenende






    Rezensionen

    Weshalb der Igel besser vom Kaktus steigen sollte


    Buch gleich hier portofrei ordern!

    Walter Krämer/Denis Krämer/Götz Trenkler:
    DAS NEUE LEXIKON DER POPULÄREN IRRTÜMER:
    555 weitere Vorurteile, Mißverständnisse und Denkfehler von Advent bis Zyniker

    Frankfurt am Main: 1998, 382 S., Eichborn GmbH & Co. Verlag KG
    DEM 44,-, öS 321,-, Sfr 41,–
    ISBN: 3821805870

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    (mp) Schon mit seinen Publikationen der letzten Jahre sorgte Walter Krämer, Professor für Wirtschafts- und Sozialstatistik an der Universität Dortmund, für Aufsehen. So sind beispielsweise So lügt man mit Statistik und Wir kurieren uns zu Tode schon zu Bestsellern geworden. Der absolute Renner war aber das Lexikon der populären Irrtümer, das 1996 ebenfalls im Eichborn Verlag erschien.

    Ko-Autoren des nunmehr erschienenen Folgebands sind Denis Krämer, der in Göttingen Geschichte und Japanologie studiert, und Götz Trenkler, Professor am Fachbereich Statistik der Universität Dortmund, der schon am ersten Band mitgearbeitet hatte.

    Quer durch Gebiete wie Politik und Wirtschaft, Mode, Kunst, Geschichte, Medizin und Technik, Biologie und Geowissenschaft werden Lügen und Legenden in streng alphabetischer Reihenfolge als solche entlarvt. Da kommt der Braten vor Brecht, die Eisenbahn vor dem Eiweiß, Hals- und Beinbruch vor dem Hamburger, die Mikrowelle vor der Milchmädchenrechnung, die Sintflut vor dem Snob, die Schlacht im Teutoburgerwald vor dem Schlaf.

    Dieses scheinbare “Durcheinander”, diese Rösselsprung-Reise durch alle Themen dieser Erde, macht das Lesen allerdings außerordentlich abwechslungsreich und kurzweilig. Wie die Autoren richtig meinen, kann das vorliegende Irrtumsbuch aber – über den schnöden Gebrauch als Klo- und Bettlektüre hinaus – dem einen oder anderen Leser einen Anstoß geben, einmal über die Geburt und die Resistenz von Irrtümern nachzudenken. – “Nichts wird so fest geglaubt wie das, was wir am wenigsten wissen”, schrieb schon Michel de Montaigne im 16.Jahrhundert.

    Sei's am Stammtisch oder auf der Cocktail-Party: Nach der Lektüre dieses Lexikons lassen Sie sich bestimmt nicht mehr so leicht ein X für ein U vormachen: Alkoholfreies Bier ist nicht ganz ohne; es darf bis zu 0,5% Alkohol enthalten, und bei den meisten bekannten Marken liegt der Anteil zwischen 0,35% und 0,4%. Und das “Katerfrühstück” hat nichts mit männlichen Katzen zu tun; Mitte des 19. Jahrhunderts war “Kater” ein flapsiger Studentenausdruck für Katarrh. Ein Katerfrühstück war also ein Frühstück nach einem ganz besonderen Katarrh. Einen, den man sich zum Beispiel bei Auerbach in seinem berühtem “Keller” holte.

    Und von wegen – Erdnüsse seien Nüsse! Sie gehören botanisch gesehen zu den Bohnen. Daß Präriehunde zwar hundeähnlich “bellen”, macht diese Murmeltiere noch längst nicht zu Hunden. Und Hyänen entsprechen keineswegs dem gängigen Bild vom hinterhältigen und feigen Aasfresser – sie können sich nur nicht wirksam gegen die Löwen wehren, die ihnen ihre Beute abspenstig machen. Das Zölibat wurde erstmals Ende des 4. Jahrhunderts von Papst Siricius erlassen und erst Ende des 11. Jahrhunderts von Papst Gregor VII. flächendeckend eingeführt. Und Salz schmilzt nicht etwa das Eis sondern löst es vielmehr auf.

    Es tauchen aber auch logische Schlüsse auf, die nicht so ohne weiteres stringent sind. “Ich glaube keiner Statistik, die ich nicht selbst gefälscht habe”, stamme keineswegs, wie meist geglaubt, von Winston Churchill sondern sei eine Erfindung von Josef Goebbels. Zitat: “In verschiedenen “Anweisungen an die deutsche Presse” aus den Jahren 1940/41 legt Joseph Goebbels dem englischen Premierminister diese Worte mehrfach in den Mund (während in England selbst kein einziges Zeugnis dafür nachgewiesen ist). Vermutlich wollte Goebbels den Kriegsgegner damit als notorischen Lügner darstellen, dem nichts zu glauben wäre, und die wahre Quelle des Zitates wurde später dann vergessen.” So lesen wir in diesem Buch. Na ja, das klingt zwar durchaus plausibel, nur ist damit noch lange nicht bewiesen, daß Goebbels nicht doch zitiert, denn Churchill war bekanntlicherweise ein ausgesprochener Vielredner. Seine gesammelten Reden und Aussprüche würde noch jede Bibliothek zum Überquellen bringen. Und die Tatsache, daß Churchill immer Statistiker unter seinen Beratern hatte, spricht eigentlich eher dafür, daß dieser Ausspruch von ihm stammt. Er scheint seine Pappenheimer gekannt oder zumindest gut erzogen zu haben.

    Daß Biber die Bäume keineswegs planvoll fällen, ist richtig. Es ist auch richtig, daß die Bäume mehr Zweige zum Wasser hin entwickeln, auf dieser Seite also schwerer sind und deshalb in Richtung Wasser stürzen. Was aber in diesem Werk fehlt, ist der Hinweis auf die Tatsache, daß die Bäume das keineswegs des Wassers wegen tun. Vom Wasser her steht der Sonne nichts im Weg, das heißt, daß der Baum in der Regel von dieser Seite her mehr Licht bekommt, was der Grund für das größere Wachstum, die Gewichtsverteilung und die Fallrichtung ist.

    Die Autoren erheben nicht den Anspruch, der Wahrheit letzten Grund zu kennen, sind aber guten Mutes, mit diesem Lexikon immerhin nicht mehr neue Irrtümer in die Welt gesetzt zu haben, als alte aufzuklären. Schade, daß sie sich mit diesem bescheidenen Anspruch zufrieden geben. Vielleicht wäre ihnen dann nicht entgangen, daß die Indianer vor allem durch Seuchen besiegt wurden, die die Spanier ins Land eingeschleppt hatten, und nicht – wie das Schreiberteam behauptet – weil die verschiedenen Stämme sich aus Zwietracht gegenseitig umbrachten. Hier wird dann (und es ist leider nicht die einzige Stelle) der eine Irrtum durch den anderen “aufgeklärt”.

    Das geschieht glücklicherweise nicht allzu oft, läßt aber doch den Hinweis geboten erscheinen, sich nicht blindlings auf alles zu verlassen, was hier so wohlfeil dargestellt wird – sonst gerät man möglicherweise nur vom Lügenregen in die Mythentraufe …

    Die Literaturangaben im Anhang sind mit 35 Werken recht ausführlich und bieten dem interessierten Leser noch mehr Studien in Sachen Besserwisserei an, wobei allerdings unverständlich ist, warum ein so wichtiger Klassiker wie das folgende Werk fehlt, das schon im letzten Jahrhundert den Prototyp für das Genre der Enthüllungsbücher abgab: Memoirs of Extraordinary Popular Delusions & the Madness of Crowds von Charles MacKay.

    Trotz allem aber: Eine wahre Fundgrube für neugierige “Noch-Besser-Wisser”.



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