(mp) Die Schweiz kennt doch jeder, denken Sie jetzt vielleicht. Aber nur weil Sie auf dem Weg nach Italien schon mal durchgefahren sind, oder gar schon mehrmals daselbst Ihre Ferien verbracht haben, die saubere Landschaft gepriesen und die Gastfreundschaft der Einheimischen genossen haben, wissen Sie noch längst nichts über das wahre Wesen der schweizerischen Bevölkerung.
Die Schweiz ist praktisch und zweckmäßig und ein wenig langweilig. Es gibt das treffende Bonmot: Es ist schön, als Schweizer geboren zu werden; es ist schön als Schweizer zu sterben. Doch was macht man in der Zwischenzeit? Meine Antwort lautet gut schweizerisch: Ich vertue diese Zwischenzeit mit Arbeiten. Das sagte Friedrich Dürrenmatt, selbst bekanntlich ein bekannter Schweizer, in einem seiner letzten Interviews.
Nach dem berühmtesten Schweizer gefragt, werden die meisten Nichtschweizer nach längerem Stirnrunzeln vielleicht auf Wilhelm Tell kommen. Um sich jedoch als extensiver Schweizerkenner bezeichnen zu dürfen, müßte man freilich auf Anhieb auch Namen nennen können wie Ursula Andress, Henri Dunant, Kurt Felix, Max Frisch, Bruno Ganz, Martina Hingis, C. G. Jung, Mereth Oppenheim, Lilo Pulver, Jean Tinguely, Vico Torriani und Tony Rominger. Daß auch Albert Einstein und Yul Brynner Schweizer waren, wissen sicher die wenigsten.
Von außen wirkt die Schweiz wie ein stabiles Jugoslawien Mitteleuropas. Hier wird unter ein Sennechäppi gesteckt, was andere nicht einmal unter einen ausgewachsenen Sombrero brächten: Ein paar Viertausender mit ewigem Schnee und Gletscherlandschaften, mediterranes Klima im Tessin, 26 Kantone und vier Sprachregionen. Und da zwei Drittel des Landes unbewohnbar sind, ist es auch nicht erstaunlich, daß hier das meiste in Taschenformat gehalten wird. Sogar Zeitungen sind kleiner und damit handlicher als im restlichen Europa. Wen wunderts da noch, daß Minigolf in der Schweiz erfunden wurde?
In jedem Land gibt es sprachlich-kulturelle Minderheiten. Die Schweiz besteht ausschließlich aus Minderheiten, und jede pflegt ihren ureigenen Minderwertigkeitskomplex: Die Deutschschweizer blicken nach Deutschland, die Welschen nach Frankreich, die Tessiner nach Italien und die Rätoromanen auf sich selber.
Mit viel Liebe zum Detail und mit zum Teil beißender Ironie beschreibt der Schweizer Autor Thomas Küng zusammen mit dem deutschen Co-Autor Peter Schneider die kleine, knapp über 41.000 Quadratkilometer große Alpenrepublik samt ihren friedliebenden Bewohnern. Die Neutralität der Schweiz sei übrigens nichts anderes als die festgeschriebene Abneigung, Zeuge oder gar Teilnehmer von Streit zu sein, der Grund, weshalb das Schweizer Volk 1986 den Beitritt zur UNO ablehnte. Der giftige Kommentar aus der Schweiz nach dem liechtensteinischen Beitritt 1990 lautete: Jetzt fehlen der UNO nur noch zwei ernst zu nehmende Staaten: San Marino und Monaco.
Und hier sind wir schon bei einer der vielen Schweizer Besonderheiten. Der Schweizer (und selbstverständlich auch die Schweizerin) nimmt das Heimatland so wichtig und ernst, daß er Schweizer grundsätzlich groß schreibt, selbst das Adjektiv, sei es beim Schweizer Käse, beim Schweizer Hotel oder bei der Schweizer Küche. (Aber auch Nichtschweizer sollten sich dieser Schreibweise befleißigen; so will es nämlich der Duden, sogar der verhunzte neue!)
Der Sprache, oder besser: den Sprachen wird in diesem Buch ein ganz beträchtlicher Teil gewidmet. Die Bezeichnung deutschsprachige Schweiz wird schlicht und einfach als Etikettenschwindel bezeichnet. Abgesehen von den mannigfaltigen Mundarten (bis hin zu der auch für die meisten Schweizer unverständlichen oberwalliser Deutsch) ist der deutschschweizer Dialekt als Ganzes mit dem Hochdeutschen etwa so eng verwandt wie ostfriesisches Platt mit dem Niederbayrischen.
In diesem Kapitel findet der Leser auch einen überaus wichtigen Hinweis, den es unbedingt zu beherzigen gilt: Das Verstehen von Schweizerdeutsch ist lernbar, das Sprechen nicht. Versuchen Sie es gar nicht erst; es wirkt nicht nur anbiedernd, sondern berührt den Zuhörer nur peinlich. Kein Schweizer ißt Müsli, und kein Nichtschweizer bringt ein Grüetzi richtig über die Lippen. Wenn Sie es dennoch nicht lassen können, verschlucken Sie den ersten Teil des Wortes und grüßen Sie mit zi, das machen Schweizer auch.
Und die Diminutive, über die man sich im Ausland so gern lustig macht, sind meist gar keine, denn das -li ist zu einem festen Bestandteil des Wortes geworden und gilt schon längst nicht mehr als Verkleinerungsform. So hat ein Gipfeli nichts mit einem kleinen (Berg-)Gipfel zu tun, sondern ist schlicht und einfach ein Hörnchen, was ja auch nicht mit einem kleinen Horn zu verwechseln ist.
Unter dem etwas ungeschickt (oder sollte das humoristisch gemeint gewesen sein?) gewählten Titel Verkehr in allen Lagen findet der Leser hilfreiche Hinweise sowohl zum öffentlichen Verkehr, Bahn und Tram (Straßenbahn) als auch zu dem bemerkenswert ausgebauten Netz von Velowegen (Fahrradwege) und zum allgemeinen Straßenverkehr. Der Schweizer am Steuer wird einerseits als ausgesprochen rüpelhaft, rücksichtslos und ungeduldig beschrieben, einer, der nicht mal vor einem Überholmanöver am Zebrastreifen zurückschreckt, wenn sich der Vordermann einem Fußgänger gegenüber zu höflich verhält. Auf der anderen Seite kann er durchaus oberlehrerhaft auf der Überholspur der Autobahn stur mit 120 Stundenkilometern fahren, nur um dem lichthupenden deutschen Mercedesfahrer hinter sich zu verstehen zu geben, daß eine höhere Geschwindigkeit in der Schweiz nun mal nicht erlaubt ist.
So detailliert und gewissenhaft geht der Autor in allen Themenbereichen vor. Abgesehen von statistischen Zahlen, Daten, Fakten und Preisen wird der Leser immer wieder auf ironische, pointierte Aussagen stoßen: Die Armee wird unter anderem als Brauchtum mit der Funktion eines Rotary-Clubs beschrieben. Die typisch schweizerische Bescheidenheit sei vor allem ein beleidigter Größenwahn, der in der Frage gipfelt: Ist die EU schweizfähig? Der Schweizer unterscheide zwischen zwei Arten von Ausländern: solchen, die etwas bringen (Nestlé, Bührle, Knorr, Maggi, Brown Boveri und Tissot) und solchen, die etwas holen (wollen). Und von den Politikern dürfe gesagt werden, daß sie bereits den Kompromiß suchen, bevor die Standpunkte überhaupt dargelegt wurden, die zu Auseinandersetzungen führen könnten.
Ob Tourismus, Gastronomie, Wohnungssuche, Brauchtum, gepflegte Feindschaften, Tücken des Skilaufens, Kulturangebot, Medien, Paßwesen und Ausländerausweise oder Politik überall lernt der Leser Besonder- und Eigenheiten des Landes und der Bevölkerung kennen. Immer wieder finden sich Büchertips (26mal die Schweiz von Fritz René Allemann oder das Dienstbüchlein von Max Frisch) oder Hinweise auf sehenswerte Filme (Die Schweizermacher von Rolf Lyssy oder Palaver, Palaver von Alexander Seiler). Die zehn karikierenden Zeichnungen von Peter Gut sind liebevoll detailliert, pointiert und witzig wie der Stil des Autors.
Eine mit zum Teil kuriosen schweizerdeutschen Ausdrücken gespickte, durchaus empfehlenswerte Lektüre, die auch von Schweizern genossen werden kann, denn ganz so humorlos, wie Küng diese beschreibt, sind sie gar nicht oder etwa doch?
Wissen ist gut, Vorurteile sind mitnichten immer schlecht, meint der Verfasser im Vorwort und ergänzt: In diesem Sinne ist in diesem Buch alles wahr, jedes Wort, manchmal sogar das Gegenteil.