Freeman J. Dyson,
DIE SONNE, DAS GENOM UND DAS INTERNET.
Wissenschaftliche Innovation und die Technologien der Zukunft
Frankfurt am Main: 2000, 226 Seiten, S. Fischer Verlag GmbH
EUR 16,00
ISBN: 3100153359
(mp) Der emeritierte Professor für Physik am Institute for Advanced Study zu Princeton hat schon eine ganze Reihe von Büchern veröffentlicht. Dieses Werk basiert auf einer Vortragsreihe, die er 1997 an der New York Public Library für ein nicht-wissenschaftliches Publikum gehalten hat.
Mit vielen instruktiven geschichtlichen Beispielen aus Technik, Astronomie, Biologie und Physik zeigt er auf, unter welchen Umständen und wie Forschungsprogramme zustande kommen, welchen Stellenwert technologische Erneuerungen dabei einnehmen, welche Rolle diese Innovationen sowohl für die Wirtschaft als auch für die Gesellschaft spielen, und führt damit den Leser zu seinen Thesen und Prognosen.
Dabei begnügt er sich nicht mit vagen Aussagen sondern bezieht Stellung, wie er das auch schon 1985 getan hatte. Damals waren es für Dyson die Gentechnik, die Robotik und die Raumfahrt gewesen, die das Technologierennen der Zukunft gewinnen würden. Vierzehn Jahre später (das amerikanische Original erschien 1999) beläßt der Autor nur die Genetik auf der Hitliste der Zukunftstechnologien, die Raumfahrt und die Robotik hingegen haben seiner Meinung nach die Hoffnungen, die sie einst erweckten, nicht erfüllt. (Ob er wohl deswegen seine Prognosen als kurzfristig bezeichnet?)
Den Robotern spricht er jeglichen Intelligenzzuwachs ab. Und die heutige Raumfahrt sei, weil viel zu teuer, ein Witz. Hier traut er sich aber durchaus eine längerfristige Prognose zu: Mit neuartigen Abschußsystemen wie dem Laserantrieb erstmals 1997 durchgeführt , der Gaskanone im Modell von Abraham Hertzberg vorgeführt und dem Slingatron von Derek Tidman kürzlich an einem Tischmodell demonstriert werden die nächsten 50 Jahre das Zeitalter der billigen, unbemannten Raumflüge sein, später erst werden auch die bemannten Flüge preiswert und somit der Öffentlichkeit zugänglich.
Als die drei wichtigsten Technologien nennt er heute die Sonnenenergie, die im Spiel um die Anpassung an menschliche Bedürfnisse zu den Siegern gehören wird; die Genetik, die ihm nach wie vor vielversprechend erscheint; und das Internet, das den Menschen in jedem noch so kleinen Dorf die Fähigkeiten und die Informationen bereitstellen wird, die sie benötigen, um ihre Talente zu entwickeln. Und weil er die Zeit für reif hält, zu einer ethisch geleiteten Technik überzugehen, träumt er von einer sozial gerechteren Welt.
Er spricht nicht nur von Solarzellen sondern auch von Energiepflanzen, die nicht mehr geerntet werden müssen; von Bäumen, die Sonnenlicht in flüssigen Brennstoff umwandeln und direkt in ein unterirdisches Netz von Pipelines abgeben; von Bäumen, an denen mit Hilfe der Gentechnik Siliziumchips für Solarzellen oder Computer heranreifen; von Abfall, der von gentechnisch erzeugten Geschöpfen beseitigt oder für eine Wiederverwertung aufbereitet wird; von Häusern und Straßen, die man von kleinen Polypen bauen lassen könnte, welche an Land ähnlich stabile Strukturen zu errichten imstande wären wie die Korallen im Meer; von einer Reproduktionsgenetik, die jeder mittels billiger Do-it-yourself-Packungen selbst durchzuführen imstande sein wird.
Um aber soweit zu kommen, müßten die Biologen, die Physiker und die Mediziner bereit sein, von den Astronomen zu lernen. Da dieser Zweig der Wissenschaften lange Zeit finanziell stiefmütterlich behandelt wurde, hatten die Forscher ihre Geräte und Hilfsmittel stets mit einfachen Mitteln selbst entwickelt. Sie hatten nicht warten wollen, bis irgend jemand mal Zeit und Lust hatte, ein gutes oder ein noch besseres Teleskop für sie zu erfinden, das ihnen dann von einer Firma in Boston oder Taiwan verkauft würde.
Dyson fordert die Wissenschaftler auf, die notwendigen Revolutionen selbst auslösen. Eines der Werkzeuge, das sie dazu benötigten, wäre ein einfaches, billiges Gerät zur physikalischen DNA-Sequenzanalyse. Und statt sich mit dem mühsamen und teuren Verfahren durch Röntgenbeugung zufriedenzugeben, mit dem sich die dreidimensionale Struktur von Eiweißmolekülen bestimmen läßt, könnten sie das Gerät verwirklichen, von dem der theoretische Physiker John Sidles vor einigen Jahren den Entwurf eines Konzeptes veröffentlicht hatte: ein handliches Kernspinresonanzmikroskop mit atomarer Auflösung, mit dem es möglich ist, die Struktur von Proteinen aller Art schnell und billig zu bestimmen.
Wenn alles billiger wird, wird es für jeden Bürger der Erde erschwinglich und somit verfügbar, das ist Dysons Traum, den man freilich getrost als argen Trugschluß bezeichnen könnte. Denn wenn Dyson die radikale Kostensenkung sowohl bei der Energiegewinnung als auch in der Medizin und im Kommunikationssystem Internet als hoffnungsvollen Weg aus der Armut beschreibt, verliert er vor lauter Technik etwas Wesentliches aus den Augen: Der Mensch lebt zwar nicht von Brot allein, aber ohne geht's nun mal auch nicht.
Im ganzen Buch findet sich kein einziger Hinweis darauf, wie man sich die Nahrungsmittelbeschaffung und -verteilung in einer gerechteren Zukunft vorzustellen hat. Ob der Autor diesem unerfreulichen Thema bewußt ausgewichen ist, oder ob er diesen nicht unwichtigen Zukunftsaspekt schlichtweg vergessen hat, sei dahin gestellt. Tatsache aber bleibt, daß jede Prognose, die diesen Bereich nicht berücksichtigt, von vornherein zum ewigen Utopie-Dasein verdonnert ist.
Auch wenn sich dieses Buch stellenweise liest wie ein seichter Abklatsch von K. Eric Drexlers Engines of Creation, vermag Dyson seine Leser durchaus zu fesseln, was nicht zuletzt auf die nicht-wissenschaftliche Erzählform zurückzuführen ist. Und wem die Prognosen auf allzu wackligen Beinen zu stehen scheinen, der findet immerhin genügend historische Beispiele, um sich einen Reim darauf zu machen, wie mit der Verteilung von Forschungsgeldern die eine oder andere Entwicklung gefördert oder ausgebremst werden kann.