(gj) In der Reihe Digitale Bibliothek ist als Band 28 erstmals ein Gesamtporträt des Renaissance-Malers Albrecht Dürer erschienen. Für Dürer-Interessierte war es bisher mühsam, sich aus dem zwar reichlich vorhandenen, aber weit verstreuten Quellenmaterial ein eigenes, mehr oder weniger vollständiges Bild vom Schaffen und den Werken dieses großen Künstlers zu erarbeiten. Seine Gemälde sind in Museen über den ganzen Globus verstreut, und wollte man sich nicht nur mit Katalogdarstellungen oder Bildbänden zufriedengeben, so kam man nicht umhin, die eine oder andere Reise anzutreten, um wenigstens einen Teil seiner künstlerischen Darstellungen studieren zu können.
Für diese CD wurde erstmals Dürers gesamtes künstlerisches Schaffen zusammengetragen, das über 2.000 Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Druckgrafiken und Glasmalereien umfaßt. Sicher, eine Bildschirmdarstellung ist kein gleichwertiger Ersatz für die Betrachtung eines Originals; das Heraustreten der einzelnen Pixel bei stärkeren Vergrößerungen, und die gängigen Bildschirmmaße lassen der eigenen Vorstellungskraft einiges an Raum, sich die Wirkung des Originals in seiner vollen Größe und Pracht vorzustellen. Aber auch hier bietet die schon in Kindlers Malereilexikon vorgestellte anwenderfreundliche Software einiges an Vorteilen, die viele Einschränkungen der Bildschirmdarstellung wettmachen. (So würden Sie wohl auf ziemlich viel Widerstand stoßen, wenn Sie versuchten, ein Original Dürers in einem Museum neu zu überarbeiten, etc.)
Doch das ist längst nicht alles, was hier geboten wird. Die Datenbank seiner Bilder ist schließlich nur ein Teil eines umfassenden Lebenswerks, denn er verfaßte auch eine ganze Anzahl kunsthistorischer Schriften, darunter ein Lehrbuch der Malerei, die hier ebenfalls einzusehen sind.
Diese Aufzeichnungen sind teils als Faksimiles vollständig wiedergegeben, teils und/oder als Druckfassung (zum Beispiel sein Lehrbuch). Der Verlag gibt an, dabei die Sprache behutsam modernisiert zu haben, wobei er jedoch Syntax, Grammatik und Wortschatz weitgehend im Original gelassen hat. Dennoch bedarf das Lesen dieser Manuskripte vorausgesetzt man hat nicht ständig mit 500 Jahre alten Texten zu tun einer gewissen Gewöhnung.
Wir hätten uns gerade bei den vielen, unterschiedlichen Themen gewidmeten Schriften gewünscht, daß es ausführliche Hinweise und Verweise geben würde, welche Blätter der Faksimiles (von denen jedes als Einzelgrafik dargestellt und dementsprechend mühsam zu lesen ist) auch in Druckfassung vorhanden sind, und wie man sie schnell findet. Denn will man wirklich alles vollständig lesen, gestaltet sich das Heraussuchen als äußerst mühsam und zeitraubend.
Als Dürers Lebenszeugnisse sind eine von ihm verfaßte Familienchronik, Bruchstücke seines Gedenk- und Tagebuchs sowie verschiedene Briefwechsel wiedergegeben.
Auch dem Anhang sollte der Leser einige Aufmerksamkeit widmen. Denn er enthält Erklärungen zur sprachlichen Gestaltung, eine Liste von Worterklärungen und Angaben zu damals verwendeten Münzwerten. Diese kommen in seinen Tagebucheintragungen häufig vor, denn es schien ihm ein besonderes Anliegen zu sein, dort alle Geldbeträge festzuhalten, die er für den täglichen Gebrauch ausgegeben hat.
Den Schluß bilden eine Zeittafel, in der die wichtigsten Daten zwischen 1470 und 1530 noch einmal aufgelistet sind, und ein Personenverzeichnis.
Zusammen mit der Einleitung von Fedja Anzelewskys "Dürer Werk und Wirkung" er gilt als bedeutendster deutscher Dürer-Forscher , der in seinen Beschreibungen nicht nur einen detailreichen Einblick in Dürers Leben gibt sondern auch Leben, Arbeiten und politische Zusammenhänge erklärt, wird sowohl der Künstler selbst dem Leser nahegebracht als auch jener Ausschnitt der Geschichte, dessen Einflüsse Dürer zu dem machen konnten, was er geworden ist.
Fazit: Selbst wenn man kein Dürer-Fan ist, könnte man es durch diese CD-ROM durchaus werden.