Hans Heinrich Eggebrecht/Meyers Lexikonredaktion [Hrsg.],
MEYERS TASCHENLEXIKON MUSIK.
In 3 Bänden
Mannheim: 1984, 1056 Seiten, Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG
EUR 12,90
ISBN: 3411019956
(rt) Für dieses Taschenlexikon braucht man zwar schon einen veritablen Kleinrucksack, doch tut dies dem Inhalt natürlich keinen Abbruch. Es glänzt durch Superlative: Diese völlig neu überarbeitete Ausgabe weist etwa 8.000 Stichwörter auf, dazu mehr als 800 Notenbeispiele, zahlreiche, teils farbige Abbildungen und Zeichnungen sowie rund 9.000 Literaturangaben. Wie bei Taschenausgaben üblich, ist der Satz klein und kompakt gehalten, was den einen oder anderen Leser sicher murrend zur Lesebrille greifen läßt.
Anders als viele Werke dieser Art beschränkt sich dieses Lexikon nicht nur auf klassische oder sogenannte E-Musik, auch Jazz, Rock- und Popmusik sowie Musik antiker und fremder Kulturen werden hier erfaßt. Sie finden also nicht nur etwas über Beethoven und Bach (nebst sämtlicher Söhne) sondern beispielsweise auch den amerikanischen Pianisten Tommy Lee Flanagan (Chef des Begleittrios von Ella Fitzgerald), die Kölner Gruppe Floh de Cologne und Franz Degenhardt. (Natürlich grenzte es an ein Wunder, würde man nicht auch auf merkwürdig anmutende Lücken stoßen: So fehlen beispielsweise Gruppen wie Ton, Steine, Scherben und Guru Guru, während sich Ougenweide mit einem Eintrag verewigt sieht, wozu es bei Drafi Deutscher und Ihre Kinder wiederum nicht reichte, dafür sind Kraftwerk und Georg Kreisler erwähnt, usw.)
Henzes Oper Der Prinz von Homburg findet sich mit vier Zeilen beschrieben, dafür wurde dem österreichischen Kapellmeister Felix Prohaska das doppelte zugestanden. Doch jenseits der Erbsenzählerei, zu denen derlei Kompendien ja immer wieder einladen, läßt sich auch sonst manche Schwäche konstatieren, etwa wenn zum Eintrag Punkrock die apodiktische Bemerkung der sich gegen jede Kommerzialisierung sperrte findet was natürlich die gehässige Frage aufwirft, wie er dann überhaupt Eingang in dieses Lexikon finden konnte. Der Eintrag zu Purcell ist für den ersten Überblick recht brauchbar, und mehr darf man von einer Taschenausgabe schließlich nicht erwarten. Ausführungen zum Stimmbruch fehlen ebensowenig wie zur arabischen Doppelschalmei Zummara, Schönbergs Zwölftontechnik wird an Notenbeispielen erläutert, die indische Musik findet ebenso Würdigung wie die indianische und die babylonische. Eine zweiseitige Stammtafel der Familie Bach dürfte die allermeisten Leser sicher darüberhinwegtrösten, daß sich solch Exoten wie Karl Mays Oper Babel und Bibel oder Glenn Goulds So you want to write a fugue keinen Zutritt in dieses Kompendium verschaffen konnten. Gewiß ist ein Musiklexikon nicht mit einem Opernführer zu verwechseln, dennoch wüßte man gern den Grund, weshalb Wagners Ring-Zyklus mit nur neun Zeilen abgehandelt wird, der elektronische Ringmodulator dagegen mit dreißig nebst Frequenzangaben und Oberton-/Teilton-Formel.
Die Erläuterungen der Begriffe Programmusik und elektronische Musik sind dagegen wiederum recht gut; Karlheinz Stockhausen, bekanntlich einer der Kirchenväter der letzteren, wird ebenso gebührend gewürdigt wie Georg Friedrich Händel und auch François Couperien findet würdig Erwähnung. Etwas verwirrend mag erscheinen, daß Contratenor und Countertenor zwar separat erwähnt und zutreffend beschrieben werden, aber nur die englische Form auf die lateinische verweist und nicht umgekehrt, während unter Alt wiederum auf beide verwiesen wird.
Für den interessierten Laien bietet das Lexikon eine insgesamt sehr brauchbare Fülle von Begriffen, und auch der erfahrene Musikkenner dürfte hier noch manch Neuem, Unbekanntem begegnen. Alles in allem: Empfehlenswert.