Der Ruf des World Wide Web gilt auch den Bücherfreaks
Marius Luta, Paul Tiedemann:
INTERNET FÜR BIBLIOTHEKARE.
Eine praxisorientierte Einführung
Darmstadt: 2000, 181 Seiten, PRIMUS VERLAG
DEM 39,90/CHF 37,00/ATS 291,00
ISBN: 3896781545
(mp) Während sich auf dem Feld der Naturwissenschaften das Internet als internationales Kommunikationsmittel längst etabliert hat, stehen die Geisteswissenschaftler diesem Medium noch immer eher skeptisch-berührungsarm gegenüber. Die meisten von ihnen ahnen zwar, daß sie nicht umhinkommen werden, sich mit dem neuartigen Computerkram zu befassen, um den Anschluß nicht zu verlieren, werden aber als Neulinge von der einschlägigen Computer-Literatur erfolgreich abgeschreckt.
Mit diesem Buch wollen Luta und Tiedemann interessierten Bibliothekaren (und anderen, an bibliothekarischen Fragen Interessierten), den Einstieg ins Internet erleichtern.
Der erste Teil dient dazu, dem Unbedarften die technischen Grundlagen des Internets so knapp wie möglich aber nicht ausführlicher als unbedingt nötig zu erläutern.
Nach einer Beschreibung der erforderlichen Hard- und Software (ein IBM-kompatibler PC mit mindestens einem 486er-Prozessor, Arbeitsspeicher von mindestens 16 MB RAM und etwa 100 bis 200 MB freien Festplattenspeicher, Windows 95/98, OS/2 oder Linux, Netzwerkanschluß, Telefonanschluß, Modem oder ISDN na ja, einen 486er wird man heute bestenfalls noch im Museum klauen können ) wird dem Zugang zum Internet besondere Sorgfalt gewidmet. Qualitätskriterien für die Auswahl eines Providers fehlen ebensowenig wie die Kostenkriterien und eine ganze Liste von Anbietern.
Kurz und knapp kann sich der Leser sowohl über Sinn und Zweck einer URL als auch über die verschiedenen Internet-Dienste wie Email, Mailing Lists, Newsletters, Newsgroups, WWW, Gopher, FTP (File Transfer Protocol), IRC (Internet Relay Chat) und Telnet informieren. Erwähnung finden auch der Zahlungsverkehr, die Gefahren eingeschleuster Viren und Zukunftsentwicklungen, mit denen in absehbarer Zeit zu rechnen sei, wie das eBook oder die UNL (Universal Network Language).
Die Wissenschaftler der Universität der Vereinten Nationen UNU in Tokio arbeiten zusammen mit Forschungsteams vieler Länder an einer mathematischen Sprache, die bestimmte Informationen mit Hilfe von einfachen Gesetzen darstellt. Die Kunstwörter, die aus dem Englischen stammen und Universalwörter genannt werden, bezeichnen Dinge, drücken die Beziehungen zwischen Universalwörtern aus und geben zusätzliche Eigenschaften an. Mittels spezieller Computerprogramme, den Enconvertern, soll es möglich gemacht werden, einen in einer beliebigen Sprache verfaßten Text in einen UNL-Text umzuwandeln, der dann vom Nutzer vom Netz geladen und mit einem im Browser integrierten sogenannten Deconverter automatisch in seine Muttersprache übersetzte wird. Mit 150 verschiedenen Sprachen soll das Programm umgehen können.
Hier allerdings malen die Autoren vielleicht ein allzu rosiges Bild an die Wand, wenn sie dem Leser nur die Vorteile des voraussichtlich im Jahre 2006 fertiggestellten elektronischen Übersetzers unter die Nase halten, denn :
Wer automatisierte Übersetzungen kennt, büffelt doch lieber selbst Fremdsprachen!
Im zweiten, dem Hauptteil, finden sich die für einen Bibliothekar wichtigsten Internetadressen, bei denen der Einstieg interessenorientiert und konkret angegangen werden kann, wobei der Hinweis über die Unvollständigkeit der Links nicht fehlt, weil ja tagtäglich neue dazukommen. Hilfreich für jeden Anfänger sind sicher die ausführlichen Anleitungen, die die Autoren für Recherchen anbieten. Ob die Suche nun über einen Katalog (beispielsweise der Universität Karlsruhe) oder über eine der vielen Suchmaschinen erfolgt, der Leser kann anhand der detaillierten Beschreibung Schritt für Schritt auf seinem neu erstandenen oder zumindest neu eingerichteten Computer nachvollziehen.
Die Adressen sind übersichtlich gegliedert und jeweils mit einer kurzen Beschreibung des zu erwartenden Angebots versehen. Die umfassende Themenauswahl reicht vom allgemeinen Bibliothekswesen über Internetbibliotheken, Bibliotheksverbünde, Vereine, Organisationen, Kataloge und bibliographische Datenbanken, Katalogisierungsregeln und Bibliothekssystematiken, Dokumentlieferdienste und Buchhandlungen im WWW, Bibliothekssoftware, Bibliotheksbau und -einrichtung, Aus- und Fortbildungsveranstaltungen, digitale Bibliotheken, elektronische Zeitungen und Vorträge bis hin zu Mailing-Listen.
Um die Grundlagen einer Veröffentlichung im Internet geht es im dritten Teil des Buchs. Die Erläuterungen über das Urheberrecht, den Urheberschutz, die Publikation im Internet und die Zitationsregeln können hilfreich sein und einen unter Umständen vor kostspieligen Klagen bewahren.
Anschließend wird der blutige Internet-Anfänger dazu ermutigt, seine eigene HTML-Seite aufzubauen, was gelinde ausgedrückt ziemlich starker Tobak ist. Wer schon mal eine eigene Website aufgebaut und sich anschließend das Resultat kritisch angeschaut hat, weiß, daß das ein Handwerk ist, das gelernt sein will. Abgesehen davon wird dem Anfänger vor lauter Tags, Meta-Tags, Frames und HTML-Codes der Schädel brummen, bevor er überhaupt kapiert, was es mit den keywords auf sich hat. Die Platzierung in den Suchmaschinen wird dementsprechend ausfallen, da hilft auch eine Anleitung zur Anmeldung bei Yahoo! nichts.
Im Anhang findet der Leser Angaben über weiterführende Literatur und Links zum Herunterladen von Packprogrammen, zu wichtigen Katalogen und Suchmaschinen, und zu kleinen Grafiken für das Design der eigenen Website. Und wer nicht auf Anhieb imstande ist, sich die vielen Begriffe aus der Welt des Internets zu merken, kann sich im Glossar schlaumachen oder sich mittels des Registers die verzwickten Zusammenhänge nochmals zu Gemüte führen.
Damit der Computer bei all der Befassung keinen überhöhten Stellenwert bekommt, wird dem Leser nebst all dem Fachwissen mittels eines durchaus ernstzunehmenden Witzes beigebracht, daß er sich keineswegs in eine heile Welt begibt:
In einem Streitgespräch zwischen Coputeranwendern wurde zu klären versucht, ob der Computer männlich oder weiblich sei. Eine Einigung wurde nicht erzielt. Die Frauen votierten für männlich. Ihre Argumente:
Er hat jede Menge Wissen, ist aber trotzdem planlos.
Er sollte einem helfen, Probleme zu lösen, die halbe Zeit aber ist er selbst das Problem.
Sobald man sich einen zulegt, komm man drauf, daß, wenn man ein bißchen gewartet hätte, ein besserer zu haben gewesen wäre.
Die Argumente der Männer, die unisono für weiblich stimmten:
Nicht einmal der Schöpfer versteht seine innere Logik.
Die Sprache, mit der sie sich untereinander verständigen, ist für niemanden sonst verständlich.
Sogar die kleinsten Fehler werden im Langzeitgedächtnis zur späteren Verwendung abgespeichert.
Sobald man einen hat, geht fast das ganze Geld für Zubehör drauf.
Abgesehen von der nicht ungefährlichen Verführung zur heillosen Selbstüberschätzung in Form einer Anleitung zum Aufbau einer eigenen Website, kann dieses Buch als wertvolles Hilfsmittel für alle am Bibliothekarswesen Interessierte bezeichnet werden. Dazu kommt, daß die zahllosen Surf-Andockstellen eine Fundgrube sind, die einem manch Stunde eigener Suche ersparen helfen kann.