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    Startseite [ver. 03.04.03) vom [2005-11-23]  © 1996-2007 copyright by Verlag Ralph Tegtmeier Nachf. URL: http://confidenz-depesche.com Seitenende






    Rezensionen

    Das ist Welt!


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    Prof. Peter Wippermann/Trendbüro:
    DUDEN. WÖRTERBUCH DER SZENENSPRACHE
    Mannheim: 2000, 224 Seiten, Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG
    EUR 13,90/CHF 23,00
    ISBN: 3411709510

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    (mp) Wenn im Club bei relaxtem Ambiente die guten Vibes für die Lounge Lizards spürbar sind, der coole DJ an den Turntables mit seinem Set genial rüberkommt, ist man mellow, smooth und vor allem peacig drauf. Da ist chill-out angesagt. Und wer in dieser Atmosphäre Hektik verbreiten will, sollte rechts ranfahren und den Ball flach halten, oder besser noch mit seinen bad Vibes lieber gleich die Homebase hüten und sich dem Mouse-Potato-Dasein widmen. Wenn das nicht total durchgedatete Fly-Girl gecheckt hat, daß es weder eine suboptimale noch eine semioptimale Assel, sondern einen B-Boy vor sich hat, der nicht nur auf dicke Hose macht, sondern sie insgeheim als Chick, Hippe, Hecke oder Bunz bezeichnet, ist vielleicht sogar Blankreißen angesagt.

    Wer den kurzen, aber ausdrucksstarken, szenischen Text unbedingt Wort für Wort verstehen möchte, das nötige Briefing aber nicht mitbekommen hat, der sollte sich unbedingt den ersten Duden besorgen, der sich gezielt den Wörtern widmet, die Sport, Mode, Musik, Computer, Partnerschaft und Partykultur von heute prägen.

    Dieses thematisch gegliederte Nachschlagewerk richtet sich sowohl an jugendliche als auch erwachsene Leser; Eltern, Pädagogen, Autoren und Texter, Partyhopper, Cracks und Wannabes. Wannabes (want to be) sind Möchte-Gerne, und als solcher würden Sie sich zweifelsohne sofort disqualifizieren, wenn sie sich mit ihrem neu erworbenen Wortschatz in der Szene aufspielen wollten. Denn wahrscheinlich würde man sie schon wegen ihres Haarschnitts als Vokuhila (vorne kurz, hinten lang) oder als Oliba (Oberlippenbartträger – entweder ein Fossil aus den 70ern oder ein Polizist) entlarven und entrüstet ausrufen: “Der Typ ist doch voller Fake!”

    Im Register sind an die 1000 Wörter aus der Szenensprache aufgeführt, die man sich ausführlich beschreiben und erklären lassen kann. Schnell wird klar, daß die Bedeutung der Wörter situationsabhängig ist. Wer beispielsweise im Sport switcht, wechselt die Fußstellung auf seinem Board; wer in der Liebe switcht, wechselt den Bettpartner. Individualität, Flexibilität und Simultaneität werden in der Szene groß geschrieben. Entsprechend schnell verändert sich auch die Sprache. Und weil mit dem Erscheinen eines Buchs diese Entwicklung keineswegs zu Ende ist, wird der Duden gleich im Internet – URL: http://www.szenensprachen.de" – weiterentwickelt und -geschrieben. Cool.

    Trotz der Geschwindigkeit, mit der sich die Sprache verändert, findet aber auch ein alter Knacker gelegentlich Begriffe, die noch heute gebräuchlich zu sein scheinen: Ein Proll ist und bleibt ein Proll, und eine Wollsocke wird noch immer mehr oder weniger verächtlich als Eso oder Tempelflitzer bezeichnet.

    Äußerst schwierig hingegen ist es, anhand dieses Werkes herauszufinden, welche Wörter heute in der Szene gebraucht werden, für die man früher beispielsweise “toll”, oder “spitze” verwendete. Da bleibt einem nur das Durchlesen des Dudens. Dann, und nur dann erfährt man, daß “geil” noch immer “in” ist, aber eine ganze Latte von Synonymen bekommen hat. Und wer von Ihnen vielleicht noch abschätzig aber altertümlich als Mäuseschieber bezeichnet wird (etwa AOL-Nutzer), den schimpft man heutzutage DAU (Dümmster Anzunehmender User) oder gar HAU (HirnAmputierter User).

    Das Nachschlagewerk ist in sechs alphabetisch geordnete Kapitel eingeteilt: “Kicks und Funsports”, “Musik und Popkultur”, “Mode, Models, Fashionzones”, “Computerslang und Cyberspace”, “Liebe, Sex und Partnerstreß” und “Ausgehen, abgehen, abfeiern”. Anders als klassische Wörterbücher bietet es kurze, informative und mehr oder weniger witzig zu lesende Texte, in denen Wörter und Wendungen erklärt werden.

    Die zahlreichen Hinweise, die in jeder Definition stecken, führen kreuz und quer durch das ganze Buch, was das Schmöckern schlußendlich in ein verbissenes Durchlesen ausarten läßt. Das wird freilich jedem ein bißchen an Sprache interessierten Leser keineswegs den Spaß daran verderben, da er immer wieder auf Ausdrücke stoßen wird, die nicht nur aus plumpen Anglizismen bestehen, sondern von spielerischer Sprachkreativität mit eigenem Charme zeugen.

    Für den sogenannten Warmduscher – einer, der eben kein cooler Typ ist, der nicht eiskalt duscht, nicht im Stehen pinkelt und nicht in der prallen Sonne parkt – kennt die Szene wahrscheinlich deutlich mehr als die hundert aufgelisteten Bezeichnungen, wie unter anderem: Abschiedswinker, Beipackzettelleser, Chiliverachter, Dackeltrainer, Einfahrtfreihalter, Flusensiebreiniger, Geländerklammerer, Hintenansteher, Immer-ans-Telefon-Geher, Jein-Sager, Klobrillenhochklapper, Luftpumpenmitnehmer, Mülltrenner, Nasenhaarschneider, Olivenlutscher, Passwortaufschreiber, Rolltreppenfahrer, Schönwetterfußballer, Tankuhrleser, Unkrautzupfer, Verfallsdatumleser, Wattebällchenwerfer, Zebrastreifenüberquerer, kurz gesagt also einer, der sich im Alltag als nicht überlebenstauglich erweist, weil er Herausforderungen und Extremsituationen nicht packt.

    Die zahlreichen farbigen Illustrationen zeigen die Jugendlichen beim Skating, beim Surfing, beim Scratching, beim Tanzen und vor allem beim Schmusen. Sie lockern zwar die Lektüre auf, zielen aber zweifelsohne auf ein jüngeres Publikum. Ob diese Zielgruppe hingegen als Käufer an Land gezogen werden kann, erscheint doch eher fraglich. Entweder man gehört dazu, dann erübrigt sich die Lektüre, oder man ist ein Outcast, und ein Wannabe; ein Pädagoge, ein sich jung geben wollender Vater oder ein Streetworker – da hat keiner 'ne Chance.

    Wie schon der deutsche Philosoph Ludwig Marcuse (1894-1971) sagte: “Sprache ist unter anderem auch Expression, durchaus nicht immer Kommunikation.”

    Und genau das ist es, was dieses Buch in den Händen eines Sprachliebhabers zu einem faszinierenden Erlebnis macht, auch wenn er hie und da nicht um ein irritiertes Kopfschütteln herumkommen wird. Und selbst wer sich darin gefällt, den Sitten- und Sprachverfall der “heutigen Jugend” zu verdammen, kommt voll auf seine Kosten, denn er kann sich stundenlang in seinem Kummer suhlen und den Untergang der “guten alten Zeit” damit beweisen und beweinen.

    Bleibt noch anzumerken, daß das Werk eher unterhaltenden denn sprachwissenschaftlichen Wert hat. Von fundierten Quellenangaben oder Belegstellen keine Spur. Die Erläuterungen haben bestenfalls Feuilleton-Charakter und lesen sich wie launische “Szene”-Beiträge aus irgendwelchen, ziemlich beliebigen City-Magazinen. Insofern sind gelegentlich auch Zweifel angebracht, ob nicht hier oder dort die Phantasie mit den Beitragenden durchgegangen sein könnte, mindestens aber die Fixation auf die subjektive Privatsprache: Ohne jedes objektivierendes Korrektiv ist auf das Werk daher nur beschränkt Verlaß, was der aufmunternden Lektüre durch den interessierten Laien freilich keinen Abbruch tun muß.




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