(mp) Anders als in seinem ersten Buch Ungelöst (erschienen vor einem Jahr im selben Verlag) beschäftigt sich der Autor in seinem neuesten Werk nicht primär mit Verschwörungstheorien. Aber auch die stehen bei vielen der beschriebenen mysteriösen Todesfälle im Raum und werden gebührend behandelt.
Als eine Sammlung von Rätseln, die beim Ableben bekannter Persönlichkeiten unvermeidlich auftreten, stellt der Autor das Buch in seinem Vorwort dar. Seine soziologischen Spekulationen über den Grund dieser Zwangsläufigkeit sind nebulös, dafür zahlreich: Die Ursache könnte darin wurzeln, daß unser technokratisches Jahrhundert das mystische Böse erblühen läßt, oder daß das Millenium dem Menschen Angst einjagt und ihn in jeder Ecke einen dunklen Schatten argwöhnen ließe.
Oder sind gar die Medien schuld, die jedem noch so dubiosen Zeugen ein breites Forum bieten, und die von waghalsigen Mutmaßungen durch höhere Auflagen und Einschaltquoten profitieren? Ist es möglicherweise der immer stärkere Wunsch nach Identifikation, der unsere Stars zu bewunderten Idolen ganzer Generationen macht? Oder ist es schlicht und einfach die ureigene Klatschsucht, weil der Mensch, wie es Umberto Eco einmal ausdrückte, ein animal fabulator ist?
Beantworten soll die von Maiwald gestellten Fragen wer will, er jedenfalls sieht das nicht als seine Aufgabe an. Umfangreich listet er sowohl die verschiedensten Gerüchte als auch deren Hintergründe auf und beschreibt detailliert plausible wie auch an den Haaren herbeigezogene Spekulationen, die sich um die unverständlichen Selbstmorde, die ungeklärten Attentate und die seltsamen Todesfälle von Politikern, Künstlern und anderen wichtigen Personen der Weltgeschichte ranken.
War nun Glenn Miller ein Spion, der sich durch einen fingierten Tod bei einem Flugzeugabsturz eine neue Identität verschaffte, oder starb er an einem Herzinfarkt in einem pariser Bordell, was in diesem Fall von der CIA natürlich verschleiert wurde? Hat James Dean Selbstmord begangen, oder war der Autounfall ein kaltblütiger Mord eines rachsüchtigen Liebhabers? War das Lindbergh-Baby, für dessen Tod der Deutsche Bruno Richard Hauptmann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit unschuldig auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet wurde, ein mongoloides und deshalb unerwünschtes Kind? Wurde der Kindsmord von der eifersüchtigen Schwägerin Charles Lindberghs oder gar den Eltern des kleinen Charles verübt durch die von der Familie inszenierte Entführung vertuscht? War die Leiche, die gefunden wurde, tatsächlich das gesuchte Lindbergh-Baby?
Und wer war Jack the Ripper, der vom 31. August bis zum 9. November 1888 fünf Frauen ermordet und auf bestialische Weise zerstückelt hatte? Die Liste der Verdächtigen war lang und wurde mit der Zeit immer länger. Darunter befanden sich unter anderen: Prinz Albert Victor, der älteste Sohn des Thronfolgers Edward VI.; Dr. Vassily Konovalov alias Dr. Alexander Pedachenko alias Michail Ostrog, ein professioneller Killer, der im Auftrag des russischen Geheimdienstes die Morde begangen haben soll, um den Verdacht auf die in London lebenden russischen Anarchisten zu lenken; der schwule Freund Oscar Wildes; der Sekretär von General William Booth, dem Gründer der Heilsarmee; ein Verwandter des Philosophen Bertrand Russell; der Impressionist Walter Sickert; ein Polizist; ein Geistlicher; die Freimaurer (wer auch sonst?); der amerikanische Chirurg Francis Tumblety; Montague Druitt, der kurz nach der letzten bekanntgewordenen Greueltat ermordet aus der Themse gefischt wurde. Sogar Karl Marx wird dreist verdächtigt, der schließlich auch mal in London gelebt hatte, allerdings schon fünf Jahre vor den Morden gestorben war.
In seinem Vorwort betont der Autor die Tatsache, daß viele Todesfälle erst von uns zu mystischen Ereignissen gemacht werden: Wo Rauch ist, sagt der Volksmund, ist auch Feuer und die Rauchschwaden haben bei vielen Menschen offensichtlich den Blick auf die Wirklichkeit getrübt.
Der Leser, der sich von der Lektüre die ganze Wahrheit verspricht, wie es der Buchtitel immerhin verheißt, sieht sich freilich herb enttäuscht. Spätestens nach der Lektüre zwei oder drei mysteriöser oder mystifizierter Todesfälle sei es Roberto Calvi, Edgar Allen Poe oder Antoine de Saint-Exupéry wird offensichtlich, daß er nichts als Rauchschwaden vorgesetzt bekommen hat vom Feuer keine Spur. Zugegeben, vielleicht sind es ein paar Rauchfähnchen mehr als man bislang gesehen oder erschnuppert hatte, aber dadurch wird der Blick auf die Wirklichkeit bestimmt nicht klarer. Was hier als Wahrheit angepriesen wird, entpuppt sich bestenfalls als fleißig in Archiven recherchierte, ergiebige Gerüchtesammlung.
Maiwalds sogenannte Wahrheiten stammen vor allem aus Zeitungen wie Stern, Welt am Sonntag, FAZ, Bild, Die Zeit, Der Spiegel, Süddeutsche Zeitung und anderen, die sein Zeitungsausschnittbüro auftreiben konnte. Das einzige, was also zum exzessiven Ausleben des sensationshungrigen Voyeurismus noch fehlt, sind die Fotos bluttriefender Opfer aus den Zeitungsarchiven oder den Polizeiakten.
So nährt und schürt Maiwald die wie er sie nennt ureigene Klatschsucht, die er dem Menschen und somit auch dem Leser unterstellt, in der Hoffnung, davon in Form von hohen Verkaufszahlen Gewinn ziehen zu können. Damit sitzt er allerdings im gleichen Boot wie die Medien, die er im Vorwort der Profitsucht bezichtigt. Mag sein, daß er sogar auf dem richtigen Dampfer ist: Sein erstes Buch mit dem Titel Ungelöst, das er selbst als Vorläufer des vorliegenden bezeichnet, hat sich jedenfalls erstaunlich (oder vielleicht besser: erschreckend?) großer Beliebtheit erfreut.