StartseiteSTART Portalseite PORTALE HotNews hier! Nur für Abonnenten ABO Suchen SUCHE Wir über uns - nebst Impressum WIR Online bestellen kinderleicht ORDER Email an uns EMAIL USA Shopping Center  Shopping USA
    Startseite [ver. 03.04.03) vom [2005-11-23]  © 1996-2007 copyright by Verlag Ralph Tegtmeier Nachf. URL: http://confidenz-depesche.com Seitenende






    Rezensionen

    Handwerk nostalgisch


    Buch gleich hier portofrei ordern!

    John Seymour:
    VERGESSENE KÜNSTE.
    Bilder vom alten Handwerk

    Berlin: 1998, 191 Seiten, Urania Verlag
    DEM 19,90/EUR 10,17
    ISBN: 3332007076

    Hier können Sie das Buch gleich portofrei bestellen!

    (mp) Geschrieben hat der Autor das Buch auf der Suche nach der Vollkommenheit, wie er in seiner immerhin 11-seitigen Einleitung betont, in der er auch gleich zu einem Rundumschlag gegen das Böse ausholt. Verkörpert wird dieses hier durch die Industrialisierung; die maschinell gefertigten Massenprodukte, die zwar ihren Zweck perfekt (sic!) erfüllen, aber häßlich sind; den Überfluß an Unnötigem, der die Umwelt belastet und Ressourcen verschleudert; die langweiligen, seelenlosen Arbeitsplätze; die Lohnungerechtigkeit; und die bürokratischen Regeln und Vorschriften, die das Ausüben eines Handwerks erschweren.

    Der Verfasser ist davon überzeugt, daß der Handwerker wieder triumphieren wird, “wenn die Menschheit auf irgendeiner Stufe echter Zivilisation überleben wird”. Ebenso sicher ist er, daß das altmodische Prinzip der Lehrzeit das beste System für junge Leute und auch für die Handwerksmeister ist.

    “Der junge Mensch wurde früher dabei ziemlich harter Disziplin ausgesetzt, manchmal vielleicht zu harter, aber dadurch erlernte er nicht nur sein Handwerk, sondern wußte auch, was harte Arbeit ist. Das ermöglichte es ihm, später sein Leben und seine Wohlhabenheit zu genießen. Denn ein guter Handwerker ist ein glücklicher Mensch. […] Wenn er auf sein Leben zurückblickt, bereut er seine harte Lehrzeit sicherlich nicht, da sie es ihm ermöglichte, das zu sein, was er ist. Für einen jungen Menschen ist es sicherlich besser, für einige Zeit harter Disziplin unterworfen zu sein und wenig zu verdienen, um dann den Rest seines Lebens als ein respektierter, selbstbewußter Handwerker zu verbringen, …”

    Ob die Weisheit des Alters – Seymour wurde 1914 geboren – oder aber eine nostalgische, sentimentale Wollsockenmentalität ihn zu diesen Ansichten geführt hat, bleibe dahingestellt. Im übrigen muß man der Übersetzung leider auch einen fatalen Hang zur Amateurhaftigkeit attestieren, wie die holprige Syntax und die alles andere als elegante Wort-für-Wort-Übertragung des obigen Zitats zeigt.

    Was einem freilich nach der eher strapaziös moralisierenden Einleitung erwartet, die man ja auch schadlos überspringen kann, ist immerhin ein mit wunderschön idyllischen Fotografien und detaillierten Zeichnungen versehener Band über das gute alte Handwerk, wie es Seymour auf seinen vielen Forschungsreisen aufzustöbern imstande war. Liebevoll und ausführlich beschreibt er sowohl die Arbeitstätigkeit als auch die Gerätschaften der Handwerker. Den meisten dieser Künstler konnte er bei der Arbeit über die Schulter blicken.

    Unter den Kapiteln “Holzhandwerker”, “Bauhandwerker”, “Arbeiten im Feld”, “In der Werkstatt” und “Handwerk im Haus” finden sich Beschreibungen und Bilder, die einem die Arbeiten des Besenbinders, des Köhlers, des Torfstechers, des Wagners, des Schmieds, des Böttchers, des Drechslers, des Seilers, des Gerbers, des Sattlers, des Schuhmachers, des Töpfers und des Korbers näherbringen. Aber auch die Herstellung von Holzsohlen, Leitern, Heugabeln, Krempen, Holzreifen, Gatter, Raufen, Trockenmauern, Ziegelsteinen, Schindeln, Strohdächern, Papier, Kerzen und Seife (um nur einige zu nennen) kommt nicht zu kurz.

    Abgesehen von den zahlreichen fachlichen Informationen finden sich auch immer wieder wissenswerte Hinweise auf geschichtliche Hintergründe. So erfährt der Leser beispielsweise, daß die Ägypter schon vor 4000 Jahren Flachs angebaut und Leinen gesponnen haben, die Phönizer um 1250 v.Chr. im Mittelmeerraum damit Handel trieben, und die Römer den Flachs nach Nordeuropa brachten. In Irland und Wales wurde im 5. Jahrhundert n.Chr. intensiv Flachs angebaut. Und wie im alten Ägypten wurden auch in Irland Häuptlinge und Könige vor der Beerdigung in feinstes Leinengewebe gewickelt.

    Überdies ist das ganze Buch gespickt mit (fast) vergessenen Fachausdrücken, die man sich schon aus Gründen der Sprachpflege nicht entgehen lassen sollte. Wer weiß denn heute noch, wozu der Böttcher ein Seitbeil und eine Dechsel braucht und wie so etwas aussieht? Oder mit welchen Materialien ein Kummet hergestellt wird?

    Trotz der meist ausführlichen Beschreibungen von Arbeitsgeräten und -abläufen ist das vorliegende Werk jedoch ein Bildband über das alte Handwerk und kein echtes “How-To-Do-Buch”. Beispielsweise wird es beim Bau einer Blockhütte kaum genügen, die Detailzeichnungen von vier verschiedenen Eckverbindungen zu studieren, um ein stabiles Heim in finnischem oder schwedischem Stil aufzurichten. Und doch verleiten die Bilder der Vierkantüberblattung, der Nut mit schrägem Seitenschnitt, der Nut mit Kamm und der Schwalbenschwanzverbindung den Leser zu Überlegungen wie etwa jenen, welche Verbindung wohl die stabilste sei, und für welche Verbindung man sich denn entschiede, wenn das eigene handwerkliche Können berücksichtigt werden müßte.

    Auch beim Graben eines Brunnens, beim Bau eines Flechtboots, der Herstellung eines Strohdaches oder gar einer Kutsche stieße man bestimmt auf einige unerwartete Schwierigkeiten, ginge man solche Arbeiten nur mit diesem Buch bewaffnet vor.

    Weniger aufwendige Arbeiten aber, beispielsweise die Herstellung einfacher Wäscheklammern aus Weidenruten, schmalen Blechstreifen einer Dose und kleinen dünnen Nägeln könnten den einen oder anderen doch noch zum erfolgversprechenden Nachbau animieren – vorausgesetzt man ist nicht mit zwei linken Händen gestraft.

    Diese außergewöhnliche, gelungene Sammlung von Wissenswertem über noch nicht ganz vergessene Künste ist unbedingt des Betrachtens und auch des Lesens wert, wenn man sich nicht von den “Lebensweisheiten” des Autors abschrecken läßt.




    Seitenanfang Roter Faden Kategorie-Index Kategorie-
    Index


    [Datei: cd0002rez08.html]