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    Startseite [ver. 03.04.03) vom [2005-11-23]  © 1996-2007 copyright by Verlag Ralph Tegtmeier Nachf. URL: http://confidenz-depesche.com Seitenende






    Rezensionen

    Populärwissenschaftliche Technikgläubigkeit
    für das breite Publikum


    Buch gleich hier portofrei ordern!

    Hans-Jürgen Warnecke [Herausgeber]:
    projekt zukunft:
    Die Megatrends in Wissenschaft und Technik
    Fraunhofer-Gesellschaft

    Köln: 1999, 192 Seiten, vsg verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
    DEM 49.90/CHF 46.-/ATS 364.-
    ISBN: 3802514114

    Hier können Sie das Buch gleich portofrei bestellen!

    (mp) Erschienen ist dieses mit unzähligen farbigen Abbildungen gespickte Buch als Begleitband zur gleichnamigen Fernsehserie auf 3sat. Die Autoren sind Wissenschaftler der Fraunhofer-Gesellschaft, die im letzten Jahr ihr fünfzigjähriges Bestehen feierte. Als gemeinnütziger Verein in München gegründet, vereint die Gesellschaft heute 47 Forschungsinstitute an 40 Standorten in Deutschland und beschäftigt über 9000 Mitarbeiter. Aber auch im Ausland ist sie inzwischen erfolgreich tätig; abgesehen von der Europäischen Union vor allem in den USA und in Asien. Ihr erklärtes Ziel ist die Beschleunigung des Innovationsprozesses in der deutschen Wirtschaft.

    Gleich im Vorwort betont der Herausgeber und Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, Prof. Dr.-Ing. Dr. h.c. mult. Hans-Jürgen Warnecke, was das Buch alles nicht sein will, was und wen es aber ansprechen möchte: Der Leser hält also ein in einem Guß zu lesendes populärwissenschaftliches Buch in Händen, das einen Einblick in die Zukunftswerkstätten der Wissenschaft gibt. In unterhaltsamer und leicht verständlicher Form sollen die wichtigsten Trends und Schlüsseltechnologien des 21. Jahrhunderts einem breiten Publikum, insbesondere der Jugend, nähergebracht werden und einen umfassenden Einblick in unsere Welt im neuen Jahrtausend bieten.

    Ein Sammelband von schwergewichtigen, wissenschaftlichen Aufsätzen für Spezialisten ist es in der Tat nicht geworden. Es ist auch kein Werk, das sich in hoffnungsfrohen oder düsteren Zukunftsvorhersagen verliert. Vielmehr beschäftigen sich die Autoren – praxisnah, wie sie nun mal sind – mit der Beschreibung des Erreichten und dessen, was sie in nächster Zukunft zu erreichen gedenken oder hoffen.

    Unter den Kapiteln “Kommunikation – digital und global”, “Arbeitswelt – fraktal und dynamisch”, “Neue Werkzeuge, neue Verfahren – genau, schnell, flexibel”, “Werkstoffe – adaptiv und recyclebar”, “Intelligente Systeme – Vernetzte Maschinen”, “Gesundheit und Medizin” und “Umwelt und Energie” bekommt der Leser einen Überblick über das Wissen und Können der verschiedensten Expertengruppen in einfachen Worten präsentiert – ganz im Sinne Einsteins, der einmal gesagt haben soll: “Alles sollte so einfach wie möglich gemacht werden, aber nicht einfacher.”

    Die vielen bunten Illustrationen sind zwar nicht immer besonders informativ, lockern aber den Text auf und wirken auf dem Hochglanzpapier ansprechend. (Das Lesen gerät hingegen des Blendeffekts wegen nicht nur bei künstlichem Licht eher mühsam.)

    Der populäre Anstrich kann also durchaus als gelungen bezeichnet werden.

    Unverständlich hingegen bleibt, weshalb in einem Buch, das über Trend- und Schlüsseltechnologien des 21. Jahrhunderts aufklären möchte, der Nanotechnologie keinen Platz eingeräumt wird. Nicht einmal im Register ist dieser Begriff zu finden. Einzig im Kapitel “Gesundheit und Medizin” unter den Rubriken Umbruch im Gesundheitswesen und Fortschritt durch Gentechnik wird ganz am Rande auf die Molekularbiologie eingegangen, wo der Leser sich dann mit Aussagen zufrieden geben soll, wie beispielsweise der folgenden: “Zusätzlich zur traditionellen Chemie, Pharmakologie und medizinischen Forschung gewinnen die Molekularbiologie, die Biotechnologie, die Bioinformatik, die Robotik und die kombinatorische Chemie an Bedeutung. Diese Disziplinen stehen nicht nur in der Tradition etablierter Wissenschaftsgebiete, vielmehr entwickeln sie sich auch an interdisziplinären Schnittstellen.” Na sowas!

    Falls freilich die Fraunhofer-Gesellschaft ausgerechnet für diese Zukunftstechnologie über keine Experten verfügen sollte, wäre diese Lücke selbstverständlich zu entschuldigen – doch wer mag das glauben?

    Auffallend ist freilich die uneingeschränkte und begeisterte Technikgläubigkeit der Autoren, die sich wie ein roter Faden von der ersten bis zur letzten Seite zieht. Die Lobeshymne der Verfasser geht beispielsweise unter der Rubrik Laser – das universelle Werkzeug so weit, daß der Leser spätestens nach zwei Seiten hilfesuchend um sich blickt und händeringend stöhnt: “Nein danke, ich möchte wirklich keinen Diodenlaser kaufen, auch wenn er schneiden, schweißen, bohren, markieren, formen und härten kann wie kein anderes Werkzeug, und sogar in meiner Jackentasche Platz fände!”

    Böse Zungen und kritische Zeitgenossen würden von Scheuklappenmentalität sprechen, wenn sie auf Formulierungen stießen wie: “Die Einbindung der Patienten in globale Datennetze ermöglicht eine effiziente Versorgung.” Denn daß diese Vernetzung selbstverständlich nicht allein der medizinischen Versorgung zu dienen hat, wird mit keinem Wort erwähnt. Die Wahrscheinlichkeit ist relativ hoch, daß in solchen Wissenschaftskreisen die Wahrnehmung allein auf das technisch Machbare gerichtet ist.

    Ein weiteres Beispiel bietet die Rubrik Gentherapie. Auch hier geht es allein um das Mögliche: “Genetisch manipulierte Zellen humanen Ursprungs für den unbegrenzten und andauernden Einsatz”. Der ethische Aspekt wird gänzlich unter den Teppich gekehrt, aber der Seitenhieb auf die “engsten Grenzen”, welche die gesetzlichen Auflagen in Deutschland bedeuten, bleibt nicht aus.

    Man muß sich nicht unbedingt den Anwurf gefallen lassen, ein ekler Spielverderber zu sein, wenn man in diesem Zusammenhang den Hinweis plaziert, daß die hier zur Schau getragene robuste Selbstgefälligkeit der Elfenbeinturmbewohner gelinde gesagt schwer erträglich weil völlig unbegründet ist: Schließlich hat die Geschichte immer wieder gezeigt, was alles an Unappetitlichem geschehen kann, wenn sich die Loge der Wissenden von intellektuell vielleicht weniger bemittelten, dafür aber politisch und militärisch um so skrupelloseren Verfassungen vor den Karren der “Staatsräson” oder, noch schlichter, der schieren Despotie spannen läßt.

    Und schließlich sollten doch nach gemeinhin vorgehaltenem – übrigens auch in Academia verbreitetem – Methodologie-Verständnis die kritische Selbstreflektion und Kontextualisierung des eigenen Tuns und seiner Folgen an oberster Stelle allen Bemühens um wissenschaftlich-technischen Fortschritt stehen. Davon ist hier allerdings nicht viel zu bemerken, was nicht eben zuversichtlich stimmt.

    Was den Arbeitsbereich angeht, wird der heute “seßhafte Angestellte” eines Büros in Zukunft – als “Knowledge-Worker” im globalen Netz, umgeben von dienenden Robotern und “intelligenten Produkten”, unabhängig von Ort, Zeit und Unternehmensstrukturen – zum “selbständigen Nomaden”, der als Auftragnehmer sein Wissen projektbezogen anbietet.

    Na prima: Ein förmlich nach Rache schreiender Affront für jeden echten Nomaden, der doch genau diese hochgepriesene Vernetzung – oft genug ebenso erfolglos – zu meiden sucht wie der Fisch die Fangreuse.

    Die Erkenntnisse der technischen Spezialisten und Zukunftsexperten der Fraunhofer-Gesellschaft verschaffen allerdings keinen “umfassenden Einblick in unsere Welt im neuen Jahrtausend”, wie dem Leser auf dem Buchumschlag versprochen wird. Dazu bleiben viel zu viele Aspekte einfach unberücksichtigt oder werden nur sehr dürftig angerissen.

    Eine gesunde Kritikbereitschaft vorausgesetzt, kann jedoch das vorliegende Buch für das breite, jugendliche Zielpublikum zweifelsohne als interessanter Blick auf die Anfänge desselben gewertet werden.




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